Kurzhörgeschichten

#13 Das Tagebuch
Der Blick ins Innerste

24. März 2017

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Beschreibung:

Liebes Tagebuch, mein Name ist Wanda. Ich werde mich umbringen.

Hinweis:

Der folgende Text dient nicht zum Lesen der Geschichte – das würde das Konzept der KurzHÖRgeschichten obsolet machen. Er dient lediglich als „Anleser“, damit du einen besseren Eindruck von der Geschichte erhältst und enthält lediglich die ersten ~ 400 Zeichen.

Geschichte:

  1. März 2017

Ich habe mich entschieden. Heute ist der Tag, an dem ich mich umbringen werde. Nachdem ich recherchiert habe, stelle ich fest: Schmerzmittel bringen mich nicht weit. Im Internet finden sich zahlreiche Erfahrungsberichte, dass jemand sogar 80 Aspirin mit Alkohol eingenommen hat, ins Krankenhaus eingeliefert wurde und es ihm tagelang nur scheiße ging. Am Ende hat er überlebt, aber seine Niere zerstört. Ich will kein schmerzvolles Leben führen. Ich will gar kein Leben führen. Am Ende bleibt mir nur zu sagen, dass ich die Menschheit verachte. Eine Mischung aus Heuchelei und Falschheit, die mein inneres Licht gelöscht hat. Auf nimmer wiedersehen liebes Tagebuch.

  1. März 2017

Ich grübele noch. Gibt es nicht vielleicht doch einen Ausweg? Was, wenn ich bis jetzt immer nur zur falschen Zeit am falschen Ort war? Kann die Welt wirklich so sein, wie ich das Gefühl habe? Das, was ich erfahren habe, reicht eigentlich für zehn Leben. Und wenn ich in den Spiegel sehe, empfinde ich nur Hass. Ich verachte mich selbst, weil ich die Dinge habe geschehen lassen. Hätte ich anders gehandelt – was wäre dann? Wenn ich an einem Tag nach links, statt nach rechts gelaufen wäre. Wenn ich an der orangenen Ampel stehen geblieben wäre, statt noch schnell drüber zu fahren. Wenn ich mich im Supermarkt an eine andere Schlange gestellt hätte… Gibt es so etwas wie Schicksal? Oder… meine Gedanken spielen verrückt. Ich weine ohne Grund und sitze auf meinem Bett, während es um mich herum dunkel ist.

  1. März 2017

Ich empfinde nichts als Schmerz.

  1. März 2017

Termin beim Arzt gehabt. Meine Befürchtungen haben sich bestätigt. Das Kind hat nicht überlebt. Ich hatte schon an einen Namen gedacht. Marius, wenn es ein Junge geworden wäre. Meike, wenn es ein Mädchen geworden wäre. Ich weiß, dass ich skeptisch war, ob ich mein Baby behalten sollte. Aber dieser Schmerz übertrifft alle anderen. Als würde ein glühendes Messer in meinem Herz stecken, das sich nicht herausziehen lässt.

  1. März 2017

Heute hatte ich schreckliche Bauchschmerzen. Ich war gerade beim Einkaufen, als ich an der Kasse fast zusammengebrochen bin. Die anderen Kunden haben mir direkt aufgeholfen, aber vor lauter Schmerzen war ich ganz orientierungslos und kurzzeitig war alles schwarz. Die Kassiererin wollte den Notarzt rufen, aber ich bin schnell nach Hause gelaufen. Ich hatte Angst. Vorhin habe ich in meiner Hose nachgesehen: Es war alles voller Blut. Bitte lass es nicht das sein, was ich denke…

  1. Februar 2017

Valentinstag. Ich war noch nie ein Fan davon, aber dieses Jahr wirkt alles nur noch absurd. Die Schokoladenherzen, die Werbung mit Blumen und glückliche Pärchen überall. Alles fühlt sich an, als wäre es ein großer Witz. Und alle lachen. Aber mir ist nur zum Heulen zumute. Ich trage ein Kind in mir, das seinen Vater nie kennenlernen wird. Und vielleicht wird es mich auch nie kennen lernen…

  1. Februar 2017

Ich bin schwanger. Hört dieser Alptraum nie auf? Was habe ich eigentlich getan? Ich weiß: Jeder guckt immer nur auf sich selbst und jeder schleppt seine Probleme mit sich rum, aber ganz ehrlich: Will mich das Universum verarschen? Ich würde mir am liebsten den Bauch aufschneiden. Ich will die Zeit zurückdrehen. Ich will selbst wieder ein Kind sein. Beschützt vor der Welt. Behütet. Und vor allem: nicht alleine.

  1. Februar 2017

Seit ein paar Tagen ist mir morgens übel. Macht eigentlich auch keinen Unterschied – seit DER NACHT ist mir jeden Tag kotzübel. Aber seit drei Tagen übergebe ich mich jeden Morgen. Und vielleicht bilde ich es mir ein – hoffentlich! – aber meine Brüste schmerzen auch. Ich gehe gleich zum Frauenarzt. Und wenn es das ist, was ich denke… dann werde ich wahrscheinlich erst einmal lachen. Wie diese Verrückten in ihren Zwangsjacken, die nur noch lachen. Sie lachen, obwohl es eigentlich zum Heulen ist.

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